Nina Poppe Fotografie

FAZ review, 12.01.2012
Die alten Frauen und das Meer
Ama nennen sich Japans Taucherinnen, die tief am Grund des Ozeans nach Muscheln jagen: Meermenschen.

Männer sind Memmen. Wir geben das gerne zu, denn als Repräsentant des sogenannten starken Geschlechts fühlen wir uns wie ein Weicheiwarmduscher, wenn wir uns diese Frauen anschauen: die starken, zähen, unerschrockenen, kaltblütigen Ama, was auf Japanisch „Meermensch“ bedeutet und es nicht treffender ausdrücken könnte.
Seit zweitausend Jahren tauchen diese Frauen in Japan –und auch in Korea– nur mit der Kraft ihres Körpers auf den Grund des Ozeans, um Schalentiere, Fische und Algen zu suchen, am liebsten Oktopusse, Hummer, Seeschnecken, vor allem aber die Riesenmuschel Abalone, die in ganz Asien als Delikatesse ersten Ranges gilt. Zehn, manchmal auch dreißig Meter tief tauchen die Frauen und lösen die Abalone mit einer Brechstange vom Felsen. Dutzende Mal am Tag verschwinden sie wie Wasservögel unter der Meeresoberfläche. Hunderte von Euro können sie damit verdienen. Tausende von ihnen haben diese irrwitzige Tätigkeit mit ihrer Gesundheit, wenn nicht mit ihrem Leben bezahlt. Es ist ein Knochenjob, den kaum ein Mann durchsteht. Die Frauen aber trotzen der Kälte des Pazifiks, der am Anfang der Saison im Frühjahr nur wenige Grad warm ist, und glauben, sie verdanken die Widerstandsfähigkeit ihrem Körperfett. Es sei anders verteilt als bei den Männern und schütze sie besser vor der Kälte, so dass häufigere und längere Tauchgänge möglich sind. „Wir haben eine Speckhülle wie Seehunde“, sagen die Ama von sich, die bis vor wenigen Jahrzehnten diese Speckhülle auch generös herzeigten. Denn sie trugen nur einen Lendenschurz im Wasser und wurden so im prüden Japan zum Inbegriff einer rauhen, wettergegerbten Erotik. In freizügigen Holzschnitten und hymnischen Gedichten wurden sie als Heldinnen des Ozeans, als eine Art Mensch gewordene Meerjungfrauen besungen – und hatten als Zerrbild dieses Ideals sogar eine tragende Rolle im James-Bond-Film „Manlebtnurzweimal“.
Manche Ama fahren auf Booten hinaus, deren Kapitän immer ein Mann und oft ihr Ehemann ist, lassen sich mit Eisengewichten in die Tiefe hinab und am „Lebensseil“, das um ihre Hüfte gewickelt ist, wieder nach oben ziehen. Die ganz verwegenen Taucherinnen hingegen schwimmen hinaus in den Ozean so kühn wie Robben, so weit wie Selbstmörder, ein weißes Tuch um den Kopf gewickelt als Schutz vor Haien. Sie wirken in der Ferne der Fluten wie Meeres wesen, nicht mehr wie Landbewohner, schwimmen nach Stunden wieder ans Ufer und verwandeln sich zurück in menschliche Wesen –schaumgeborene Amphibien mit salzverkrusteten Haaren, hart wie Draht, greise Nixen mit Hochleistungslungen, denn ihr Beruf stirbt aus, und die letzten Ama sind längst im Großmutteralter.
Diesen großartigen Sirenen hat die Kölner Fotografin Nina Poppe ein unaufdringliches, leise beobachtendes, alles andere als sensationsheischendes Buch gewidmet, das der Versuchung widersteht, die Ama als aquatische Zirkusattraktionen vorzuführen. Sie reduziert die Frauen nicht auf ihren Kampf mit dem Meer, sondern zeigt in vielen wunderbar beiläufigen Bildern auch, wie fest sie im Festlandleben verwurzelt sind – dank ihrer Enkel, ihrer Häuschen, ihrer Memmenmänner.
Text: Jakob Strobel y Serra

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